Projekt: Dorfgedächtnis

Elis Zimmer, *1917 ✝2016 Mit dem Projekt "Dorfgedächtnis" will die Allmende dem Verlust des Erfahrungsschatzes unserer Vorfahren entgegenwirken. Durch Bild- und Tonaufzeichnungen soll das Wissen und
die Erfahrung der "Alten" dokumentiert und für nachfolgende Generationen bewahrt werden. Ein erstes Ergebnis dieses Projekts ist der 2013 erschienene Dokumentarfilm "d'Elis bachd" über die heute noch bestehende Tradition des Brotbackens im Holzbackofen.

 

Das Projekt Dorfgedächtnis
Die Filme der Allmende Stetten

Das Projekt Dorfgedächtnis ist ein Ton- und Filmprojekt, mit dem die Allmende das Wissen, den Erfahrungsschatz und die handwerklichen und bäuerlichen Traditionen von Stetten bzw. des Unteren Remstals dokumentiert und für nachfolgende Generationen erhält. Dabei geht es nicht nur um den Erfahrungsschatz der Alteingesessenen, sondern auch um die Lebensgeschichten der Vertriebenen/Flüchtlinge der Nachkriegszeit oder der ArbeitsmigrantInnen der 1960er/1970er Jahre. Bisher wurden ca. 100 biographische Interviews geführt und 11 Filme fertiggestellt:

 

d'Elis bachd – Die traditionelle Brotherstellung im Holzbackofen (1)

Seit 1840 existiert im Zentrum des Wengerterdorfes Stetten im Remstal ein gemeindeeigenes Backhäusle, in dem bis zum heutigen Tag Kuchen und Brot im traditionellen Holzbackofen hergestellt werden. Eine der regelmäßigen Nutzerinnen war bis vor einigen Jahren Elis Zimmer aus der Pommergaß. Sie ist eine der typischen Schwäbinnen, die ihr Leben lang "emmr kschaffd henn". Von Kindesbeinen an bis ins hohe Alter. Frau Zimmer ist ebenfalls typisch für eine Nachkriegsgeneration von Frauen, die - aufgrund ihrer Lebensumstände - in die Fabrik gehen mussten, zu den damals angebotenen Frauenarbeitsplätzen in der Nahrungsmittelindustrie (Birkel-Nudeln, "Bomboles"-Kaiser, Schoko-Friedel).
Der Film zeigt, wie im Backhäusle der Ofen mit Kräala angezündet und dann zu Hause der Brotteig geknetet und portioniert wird. Anschließend werden die Brote „eingeschossen“. Dazu erzählt Elis Zimmer aus ihrem arbeitsreichen Leben. Und dies in einem altertümlichen Schwäbisch, das heute nur noch von ganz wenigen Menschen gesprochen wird.
Laufzeit: 30 Minuten

 

Backen im Holzbackofen – Eine kleine Geschichte der Dorfbackhäuser (2)

Bei einem Rundgang im Freilichtmuseum Beuren erzählt dessen Leiterin, Steffi Cornelius, die Geschichte der auf dem Gelände befindlichen Backhäuser und wie diese im 19. Jahrhundert, oft gegen den Widerstand der betroffenen Frauen, durch königlichen Erlass in den einzelnen Dörfern Württembergs entstanden. Dadurch sollte die Brandgefahr gebannt und Holz gespart werden. Zu sehen sind sowohl die Anfänge der Holzbacköfen als Anbau zu einem Bauernhaus bis zu ausgeklügelten kombinierten Back- und Waschhäusern. Zu sehen ist auch das regelmäßige Schaubacken in dem noch in Betrieb befindlichen Backhaus in Beuren
Laufzeit: 30 Minuten

 

Wasser, Wein und Wirtschaftswunder – Industrie- und Wirtschaftsgeschichte des Unteren Remstals (3)

Das Untere Remstal war vor 150 Jahren noch eine bitterarme Gegend, aus der viele Menschen auswandern mussten. Heute gehört es zu den wohlhabendsten Regionen Europas. Zu verdanken ist den fruchtbaren Böden, den klimatischen Bedingungen, der Nutzung der Wasserkraft und dem Bau der Remsbahn als Voraussetzung für die ab 1860 einsetzende Industrialisierung und dem Fleiß und Erfindungsreichtum seiner BewohnerInnen.
Bei einer Wanderung von Stetten nach Neustadt schlägt der Film einen Bogen von der Landwirtschaft (Weinbau + Gärtnereien) über das örtliche Handwerk bis hin zu Handwerks- und Industriebetrieben mit Weltgeltung (Graze, Birkel, Stihl, Beutelsbacher Fruchtsäfte).
Laufzeit: 30 Minuten

 

„Rettet die Reben“ – Trockenmauer + Museumswengert (4)

Unterhalb des Wahrzeichens von Stetten im Remstal, der Ruine Yburg, befinden sich die letzten noch verbliebenen bewirtschafteten Terrassenweinberge im Remstal, die früher typisch waren für die Hänge der Region und die in der für diese Art der Bewirtschaftung typischen Trockenmauertechnik errichtet wurden. 2005 begann die Allmende mit der Restaurierung dieser Mauern und mit Seminaren zur Weitergabe der jahrhundertealten Handwerkstradition an nachfolgende Generationen. 2009 wurde zusammen mit dem Weingut Jochen Beurer ein Museumswengert mit mittelalterlichen Rebsorten angelegt. Der Film erklärt die Herstellungsweise der Trockenmauern und die Gründe für die Anlage des Museumswengerts und zeigt die früheren Bewirtschaftungsmethoden im Weinberg.
Laufzeit: 30 Minuten

 

Mr hodd nemme leba kennå drvo – Die Dorfmühle zu Stetten im Remstal (5)

Die ehemalige Getreidemühle im Dorfzentrum von Stetten, eine ehemals herrschaftliche Bannmühle, ist über 500 Jahre alt und war bis in die 1970er Jahre in Betrieb. Bei einem Rundgang durch die 4 Stockwerke erklärt der Mühlenhistoriker Markus Numberger die noch vorhandenen Maschinen und ihre Funktionsweise, ergänzt durch Geschichten rund um die Mühle von der ehemaligen Müllersfrau Marianne Schlegel und der in der Mühle aufgewachsenen Helga Idler geb. Schlegel.
Laufzeit: 41 Minuten

 

Oma, i will a Schmalzbrot – Die Geschichte der Glockenkelter in Stetten (6)

Am Ende der Obergaß in Stetten steht ein beindruckendes historisches Gebäude, die Glockenkelter, die der Herzog Carl Eugen 1786 errichten ließ. Der Film zeigt die wechselvolle Geschichte dieses historischen Kleinodes.
Sie war herrschaftliche Bannkelter bis 1932, NSDAP-Parteilokal von 1933 bis 1943, Heim für sowjetische Zwangsarbeiterfamilien von 1943 bis 1945 und nach dem Krieg bis in die 1960er Jahre Unterkunft für kinderreiche Familien von Vertriebenen aus Ungarn und der Tschechei. Danach Rumpel- und Abstellkammer, Schützenhaus, Werkstatt für den Bauhof der Gemeinde, schließlich Wertstoffhof. In Interviews mit ehemaligen BewohnerInnen und dort Arbeitenden entsteht ein lebendiges Bild ihrer Geschichte. Ausgezeichnet mit dem Landespreis für Heimatforschung 2014.
Laufzeit: 60 Minuten

 

Die Kelterkathedrale – Der Umbau der Glockenkelter in Stetten (7)

Am 20./21. April 2012 wurde sie offiziell (wieder-)eröffnet, die historische und denkmalgeschützte Glockenkelter am Ende der Obergaß in Stetten, vom örtlichen Pfarrer in seiner Einweihungsrede als „Kelterkathedrale“ bezeichnet.
Zum einjährigen Jubiläum der Einweihung produzierte die Allmende einen Film über die Geschichte des Gebäudes und dokumentierte den schwierigen Umbau dieses ehemals herrschaftlichen Gebäudes, der insgesamt fast 3 Millionen Euro gekostet hat. Ergänzt wird dies durch Interviews mit ehemaligen BewohnerInnen und NutzerInnen.
Ausgezeichnet mit dem Landespreis für Heimatforschung 2014
Laufzeit: 45 Minuten

 

Karl Haidle – Hondert! (8)

Karl Haidle aus der Pommergaß, Jahrgang 1915, ist der älteste Stettener Bürger. Er wurde im Kaiserreich während des 1. Weltkrieges geboren und kann sich noch daran erinnern, wie die Menschen das Ende des Krieges feierten. Nach seiner Ausbildung zum Mechaniker kam er während der NS-Diktatur zum Reichsarbeitsdienst an die Bergstraße und nahm als „Soldat der Arbeit“ am Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg teil.
1937 wurde er zu den Gebirgsjägern eingezogen. Ab September 1939 machte er als Meldefahrer sämtliche Feldzüge der deutschen Wehrmacht zur Eroberung Europas mit. Von Dünkirchen am Atlantik bis zum Fuße des Elbrus im Kaukasus. Wie durch ein Wunder  überlebte er unverletzt und ohne gesundheitliche Spätfolgen.
1944 kam er in jugoslawische Kriegsgefangenschaft und kehrte erst nach 4 Jahren in die Heimat zurück. Nach dem Krieg übernahm er die elterliche Landwirtschaft und schafft bis heute seine Wengert.
Laufzeit: 45 Minuten

 

Die Teichmanns – Ein Leben für die Menschlichkeit (9) 2018

Erich Teichmann, Jahrgang 1930, erlebt als Dreijähriger, wie sein Vater Kurt, Gewerkschafter und SPD-Mitglied, von der Politischen Polizei aus der elterlichen Wohnung auf dem Weißenhof geholt wird. Er wird anschließend im Hotel Silber verhört und dann ins KZ Heuberg verschleppt.
Trotzdem bleibt Kurt Teichmann, der zum Umfeld des verfolgten SPD-Landtagsabgeordneten Erwin Schoettle gehört, nach seiner Entlassung zusammen mit seiner Frau „Dorle“ Seubert im Widerstand gegen die NS-Diktatur. Sie helfen jüdischen NachbarInnen und Kollegen, französischen Kriegsgefangenen und sowjetischen Zwangsarbeiterinnen.
Bei einem Rundgang mit Ebbe Kögel zu den damaligen Orten des Geschehens spricht Erich Teichmann über Zivilcourage und beherzten Alltagswiderstand in dunklen Zeiten.
Laufzeit: 50 Minuten

 

Nedd åmôôl Ade ksagd – Zwangsarbeit in Stetten 1940-1945 (10) 2018

Während des 2. Weltkrieges waren bis zu 200 Menschen aus Osteuropa und Frankreich in Stetten und mussten hier Zwangsarbeit in der Landwirtschaft, in Haushalten und im Krankenhaus verrichten. Ihr Schicksal wird wieder lebendig in den Erinnerungen von alten Stettener Bürgerinnen (Heiner Bader, Fritz Herzog, Erwin Idler, Günter Lang, Lore Ilg), die von der Allmende befragt wurden.
Laufzeit: 15 Minuten

 

Stetten.Grafeneck.1940 – Eine Busfahrt in den Tod (11) 2018

403 Behinderte aus der Anstalt Stetten und der 1939 nach Stetten ausgelagerten badischen Anstalt Kork wurden 1940 mit den „Grauen Bussen“ nach Grafeneck transportiert und dort vergast.
70 Jahre später fand in Stetten eine große Gedenkaktion statt. Im Dorf wurden 403 Stühle mit den Namen der Ermordeten aufgestellt, mit Hussen (Stoffüberzüge für Rückenlehnen), die von Familienangehörigen, Schulklassen und KünstlerInnen gestaltet wurden. Während und nach der Gedenkaktion wurden zahlreiche Interviews geführt: mit dem Historiker Martin Kalusche und dem Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle, mit ZeitzeugInnen aus dem Dorf, Menschen mit Behinderungen, VertreterInnen der Einrichtung, Verwandten der Toten und den Aktiven der Gedenkaktion. So entstand ein Kaleidoskop der Erfahrungen und unterschiedlichen Reaktionen auf die Behindertenmorde.
Laufzeit: 40 Minuten

Alle Filme werden als DVD zum Preis von 30 Euro (+ Porto und Verpackung) verkauft.

 

In Vorbereitung: „Euthanasie“ 2.Teil, Geschichte des Weinbaus (1 +2), Die Jugendbewegung in der Provinz (1 + 2).
Neben der Filmarbeit führen wir regelmäßig biographische Interviews mit älteren Leuten, mit denen neben ihren Lebensschicksalen auch deren Dialektfärbungen für die Nachwelt erhalten werden sollen. So soll langfristig ein Archiv angelegt werden, das sowohl für DorfforscherInnen, Sozial- und KulturwissenschaftlerInnen wie auch für LinguistInnen interessant ist.
2014 gewann das Projekt Dorfgedächtnis den zweiten Landespreis für Heimatforschung Baden-Württemberg.